Wenn Mitarbeiter ihren Chef belügen

Jeder weiß, wie schwer und teuer es für Unternehmer ist, ein gutes Image aufzubauen. Es werden gewaltige Summen investiert, um eine Marke zu schaffen, dem die Menschen vertrauen. Wie schnell dagegen selbst gut geführte Marken in Ungnade fallen, belegen Birkel (Eierskandal), Humana (Vitamin-B-Skandal) & Co.

Der Preis, den so große Firmen wie die oben genannten für nur eine missliche Panne (oder auch nur den Verdacht einer Panne) bezahlen, ist hoch: Ein Krisenrat wird eingesetzt, PR- und Marketing-Experten entwickeln wirksame Strategien, die allerdings samt und sonders erst greifen, wenn alle Vorwürfe lückenlos und glaubhaft aufgeklärt sind. Doch wenn es um das Aufklären berechtigter oder unberechtigter Vorwürfe geht, trennt sich schnell die Spreu vom Weizen.

Jeder weiß auch: Irren ist menschlich und Menschen machen Fehler. Doch so tragisch die Konsequenzen auch sein mögen: Einen Fehler nicht sofort einzugestehen, ihn durch Ausreden zu beschönigen oder gar bewusst von sich zu weisen und einem anderen in die Schuhe zu schieben, ist das Dümmste und Gefährlichste, was ein Unternehmen tun kann. Zeigt uns doch ein Blick in die Medienarchive dieser Welt: Am Ende kommt die Wahrheit doch ans Licht. Das gilt für die ganz Mächtigen dieser Welt (siehe Bushs Kriegsargumente) genauso wie für den Chef eines kleinen Mittelstandsbetriebs.

Besonders fatal ist die Situation, wenn ein Mitarbeiter mit Erfolg falsches Spiel mit seinem Chef spielt. In meinem Beispiel rammt ein Angestellter eines Fensterbauers aus dem fränkischen Ottensoos ein stehendes Fahrzeug und behauptet hinterher frech, er sei seinerseits angefahren worden.

Die Absicht des Fahrers ist klar: Er will auf gar keinen Fall derjenige sein, der die Kosten übernimmt. Und: Und für einen waschechten, oberfränkischen Sturkopf ist ein eingestandener Irrtum nichts anderes als Schwäche. Welcher Mann will sich schon gerne Schwäche vorhalten lassen. Schon gar nicht von einer Frau, der Fahrerin des gerammten Fahrzeugs. Betrachtet man die Geschichte genauer, bekommt der Leser noch ganz andere Zweifel an der Seriosität des Fahrers.

Was auch immer dessen Beweggründe gewesen sein mögen: Spätestens beim Anruf der Geschädigten hätten beim Halter des Fahrzeugs die Alarmglocken schrillen müssen. Denn egal ob sein Angestellter nun lügt oder nicht: Er ist als Chef und Halter immer verantwortlich. Und in erster Linie sollte sein größtes Interesse seinem Unternehmen gelten!
Natürlich muss ein guter Chef auch loyal gegenüber den Mitarbeitern sein. Doch sobald eine glaubwürdige Zeugenaussage vorliegt, ist es Zeit, das einzig Richtige zu tun: Die Kosten zu tragen und dadurch weiteren Schaden vom Unternehmen abzuwenden.

Apropos Kosten. Wir reden in diesem Fall bisher von rund 1200 Euro Reparaturkosten. Peanuts angesichts dessen, was folgt, wenn der Unternehmer eben nicht diese letzte Notbremse zieht: Anwaltskosten entstehen und auf beiden Seiten häuft sich der Verwaltungsaufwand. Nachbarn erfahren von der unschönen Geschichte. Ein wirklich gefundenes Fressen in einer kleinen Neubausiedlung, in der jeder jeden kennt. Und wo Häuslebauer begierig darauf sind, die guten, zuverlässigen, ehrlichen und rechtschaffenen Handwerker von unseriösen Wettbewerbern zu unterscheiden. Dabei ist es vollkommen unerheblich, ob dieser simple Fahrfehler etwas mit dem ausgeführten Handwerk zu tun hat oder nicht. Was zählt, ist die dreiste Lüge.

Der mobile Bäcker trägt die Informationen weiter ... im Umkreis von 15 KM bleibt wirklich keine Kundin uninformiert. Weblog und Google übernehmen den Rest der Nachrichtenverbreitung. Der Blechschaden der geschädigten Fahrerin bleibt bei 1200.- Euro, selbst wenn sie, um die Autowerkstatt fairerweise nicht zu belasten, in Vorleistung tritt. Doch der Imageschaden für den fränkischen Fensterbauer wächst mit jedem Tag, den er sich weigert, den Vorfall durch einfache Übernahme der Kosten aus der Welt zu schaffen.

Bleibt er stur, kommt die Sache vor Gericht. Und dann kommt die Wahrheit nicht nur ans Licht der Öffentlichkeit, sondern wird auch aktenkundig. Geschäftspartner werden zu Recht misstrauisch; potenzielle Kunden, Gläubiger und Banken sowieso. All das passiert, nur weil ein selbstherrlicher Mitarbeiter einen kleinen Fahrfehler begeht und nicht Manns genug ist, dafür einzustehen.

Der Preis des Fensterbauers für seine falsch verstandene Loyalität ist hoch. Sehr hoch. Will er ihn selbst bezahlen - oder erkennt er in letzter Sekunde die Grube, die ihm sein gefährlicher Mitarbeiter gegraben hat? Eine Gretchenfrage, die nur er beantworten kann.

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